Besser Vorsorgen: Was wir aus der Forschung der Household Finance lernen können

Immer wieder gibt es Statistiken, Studien und Beiträge darüber, dass viele von uns nicht genug für’s Alter vorsorgen. Die einen sparen nicht genug, die anderen nicht mit den richtigen Produkten, die Verteilung von Vermögen ist ungleich, und bereits jetzt landen viele, ob nun Rentner, Alleinverdiener oder Familien in der sogenannten Armutsfalle. In den kommenden Jahrzehnten wird diese Gruppe angeblich noch wachsen. Aber was läuft genau falsch? Woran liegt es, dass ein Großteil der Menschen mit Geld nicht gut genug zurecht kommt? Warum sparen wir im Schnitt zu wenig für unseren Lebensabend? Und wie kommt es, dass wir trotz Fleiß und Arbeit manchmal nicht genug haben?

Mit diesem Thema beschäftigt sich der Zweig der sogenannten Household Finance. Die kommt zu ernüchternden Ergebnissen in ihren Untersuchungen:

Die meisten Menschen sparen nicht genug.
Viele Menschen haben Probleme, ihre Ausgaben unter Kontrolle zu halten.
Ärmere Menschen werden eher von unseriösen Kreditanbietern ausgenutzt.
Die meisten Menschen verwirrt die absichtliche Komplexität bei Finanzprodukten.
Anleger sind in der Regel nicht genug diversifiziert.
Anleger handeln zu viel.
Anleger fokussieren zu sehr auf Performance.
Anleger zahlen zu hohe Gebühren.
Viele Menschen schaffen es nicht, Schulden ins Auge zu sehen. Sie stecken lieber den Kopf in den Sand und wollen nichts wissen. Das gilt neben Schulden auch für andere, unangenehme Dinge im (Finanz)leben.
Anleger investieren zu wenig in Annuitäten und denken zu wenig an das Risiko der Langlebigkeit.

Das wären bereits genug Aussagen, um Kopfschmerzen zu verursachen. Doch es geht weiter. Wir werden nämlich immer älter. Mit dem Alter steigt – nicht bei allen, aber doch bei vielen – das im Laufe des Lebens angesparte Vermögen. Seien es nun Immobilien, Sparguthaben, Wertpapiere oder Fondsanteile: Ältere Menschen müssen häufig mehr Vermögen verwalten als jüngere, und tragen dadurch auch mehr Verantwortung in Finanzfragen. Allerdings, so zeigen Studien, verfügen ältere Menschen häufig über ein relativ geringes Wissen in Finanzfragen. Hinzu kommt, dass wir, je älter wir werden, auch immer wahrscheinlicher an einer Form von Demenz erkranken werden, sowie anderen Formen der kognitiven Beeinträchtigung. Dass uns Demenz und verminderte geistige Fähigkeiten später in Finanzfragen nicht gerade helfen werden, liegt auf der Hand. Aber was können wir tun? Wie können wir für uns selbst und für andere zu besseren Ergebnissen und einer besseren Vorsorge und guten Entscheidungen sowohl für das Jetzt und das Morgen kommen?

Ein Weg ist sicherlich eine bessere Bildung in Finanzthemen. Das kann bereits in der Schule erfolgen, sowie laufend über mehr Bildungsangebote. Durch das Internet können wir uns bereits heute über beinahe jedes Thema informieren, das uns interessiert. Es gibt immer mehr Videos und Beiträge zu Finanzthemen, die häufig sogar kostenlos angeboten werden. Bildung ist sicherlich wichtig, aber wie sich zeigt helfen Bildungsangebote allein auch nicht weiter.

Tatsächlich haben viele unserer „Fehler“ in Bezug auf unsere Finanzen damit zu tun, dass wir Menschen sind. Wir denken und handeln menschlich. Wird es zu komplex, zu unangenehm oder zu abstrakt, lenken wir unsere Gedanken lieber auf andere Dinge. Bereits der Gedanke an das eigene Älterwerden und als Folge irgendwann den eigenen Tod ist für uns so abstrakt und scheint uns unmöglich, dass wir lieber gar nicht daran denken. Älter werden sowieso nur die anderen. Arbeitslos? Das passiert auch nur den anderen. Sparen? Das kann später kommen, jetzt brauche ich wirklich noch dieses neue Auto, die Kreuzfahrt, die Uhr, das neue Smartphone und die Party im angesagten Club.

Tatsächlich benötigen und wollen viele Menschen Hilfe dabei, die Kontrolle über ihre Finanzen zu erlangen und zu erhalten. Sie brauchen Unterstützung dabei, verbindliche Entscheidungen über ihr Verhalten in Finanzfragen zu treffen. Das kann durch den Abschluss von Sparverträgen geschehen, aber auch durch den Staat, also eine höhere Gewalt. In vielen Ländern Europas geschieht das bereits lange. Das staatliche Rentensystem sieht vor, dass ein Teil der Einkünfte zwingend und automatisch in eine Rentenkasse eingezahlt wird. Über die Ausgestaltung der einzelnen, staatlichen Rentenkassen, deren Effektivität und Managementqualität mag man unterschiedlicher Meinung sein, aber tatsächlich schafft der Staat es damit, auch all jenen eine gewisse Vorsorge abzuringen, die sonst nichts zurückgelegt hätten. Der Nachteil davon ist selbstverständlich, dass wir unsere Eigenverantwortung komplett aufgeben und denken, der Staat hat für uns vorgesorgt.

Schon alleine deshalb muss sich jeder immer wieder folgenden Satz klar machen: „Jeder Euro, den du heute ausgibst, anstatt ihn für später zu sparen, beraubt dein älteres Ich dank Zins- und Zinseszinseffekten um mehr als diesen Euro.“ Beim Zinseszinseffekt kommt wieder die verbesserte Bildung ins Spiel, denn gerade dieser Effekt ist es, der beim Sparen und Investieren besonders wichtig ist.

Wenn es um Sparen geht, hängt viel auch mit sozialen Normen zusammen. Wir orientieren uns auch unbewusst an unserem Umfeld. Sind Sparen und Vorsorgen in unserem Bekannten- und Freundeskreis selbstverständlich, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass wir uns auch damit beschäftigen und ebenfalls sparen und vorsorgen.

Die Beratung in Finanzfragen darf freilich auch nicht unerwähnt bleiben. Für ärmere Menschen ist eine unabhängige Beratung häufig allerdings keine wirkliche Option. Zu teuer, zu schwierig zu finden, und die Qualität besonders für jene, die es am nötigsten hätten, ist häufig nicht optimal. Zu viele falsche Anreize und Interessenskonflikte stecken in unserem Finanzberatungssystem, Regulierung hin oder her. Für die breite Masse der Menschen, die vorsorgen müssten, besteht hier von Seite der Finanzindustrie noch Nachholbedarf. Was übrigens in der Zukunft durchaus durch Angebote von Fintechs wie etwa Robo Advisors abgedeckt werden könnte.

Zusammenfassend kann man sagen, dass für viele Menschen das Thema Finanzen unangenehm ist und deshalb – sehr menschlich – immer wieder vermieden wird. Es bedarf mehr als nur Wissen und Bildung, etwas Besseres als die heute für die Mehrheit verfügbare Beratung, und auch mehr als die bisherigen Methoden der Vermögensbildung. Ein längeres Leben, höhere Vermögen, vermehrt auftretende Demenzfällen, alles kombiniert mit ganz menschlichen Eigenschaften stellen jeden von uns vor große Herausforderungen. Den Kopf in den Sand zu stecken bringt auf Dauer nichts. Es muss tatsächlich jeder für sich erkennen und sich immer wieder und wieder vor Augen führen, dass Sparen und Vorsorgen notwendig sind. Und das mit Vorsicht und Weitblick. Eine Zauberformel gibt es nicht, zumindest ist diese nicht bekannt. Es ist für jeden von uns harte Arbeit, auch und vor allem an uns selbst und den eigenen, menschlichen Schwächen.

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