Frau Börse und Herr Finanzmarkt: Blick durch die Brille der Neuroökonomie

Darf ich vorstellen: Herr Finanzmarkt und Frau Börse. Ach, Sie kennen sich bereits? Mit Frau Börse hatten Sie die letzten Monate ein nicht allzu inniges Verhältnis, dafür aber in den Jahren davor eine heiße Fahrt? Herr Finanzmarkt bringt Sie hingegen seit fast zehn Jahren zur Verzweiflung und verhält sich einfach nicht so, wie Sie es erwartet oder sich gewünscht hätten? Er ist immer gegen Sie? Und Frau Börse spielt Ihnen immer wieder unerwartet Kapriolen und ist ohne Grund launisch?

Herzlich willkommen in der Welt der neurowissenschaftlichen Forschung, die seit mehreren Jahren auch in der Finanzwelt unter dem Stichwort Neuroökonomie Einzug gehalten hat.

Im konkreten Fall von Herrn Finanzmarkt und Frau Börse geht es um Mentalisierung (Engl. „Mentalization“), einem Fachbegriff aus der Psychologie. Es handelt sich grundsätzlich um die Fähigkeit von Menschen, anhand von beobachtetem Verhalten auf das Wesen des anderen zu schließen. Umgekehrt heißt das, wir deuten das Verhalten von Menschen dadurch, dass wir uns vorstellen, was im Inneren einer anderen Person vor sich geht. Treffen oder beobachten wir andere Menschen, treffen wir unbewusst sofort Annahmen etwa über die Herkuft, den Bildungsgrad, den aktuellen Gemütszustand, die Gesundheit und den Charakter der anderen Person. Dabei ist diese Einschätzung sehr stark von uns selbst, unseren Erfahrungen und unserer eigenen Situation geprägt. Der junge Mann in der Bahn, mit den dichten, blonden Haaren, die sorgsam gekämmt gut zum sauberen, gebügelten Hemd passen, der alten, gepflegten Ledertasche, den geputzten Schuhen, vertieft in die Lektüre seines E-Books. Daneben der Mann um die 20, tätoviert, zerrissene Jeans, Dreitagebart, die dreckigen Sneaker auf dem Sitz gegenüber, Kopfhörer auf, dazu ein Handy mit zerbrochenem Displayglas in den Händen. Sofort denken wir zu wissen, wer die beiden jungen Männer sind, aus welchem Elternhaus sie kommen, ob sie studieren oder arbeitslos sind, schließen auf ihre politischen und gesellschaftlichen Einstellungen und ihren Charakter.

Interessanterweise deutet vieles darauf hin, dass wir nicht nur andere Menschen mithilfe der Mentalisierung einzuschätzen versuchen, sondern auch komplexe Systeme. Beispiele für komplexe System sind der Finanzmarkt und die Börse. Was an den Märkten geschieht, die vielen Zusammenhänge, die Stärke der Korrelationen, die unterschiedlichsten Wechselwirkungen und die enorme Menge an beeinflussenden Marktteilnehmern, die in einer anonymen Masse verschwimmen, ist mehr, als wir als Menschen rational bewerten können. Deshalb, so die Erklärung der Neuroökonomen, behandeln wir die Finanzmärkte ähnlich wie eine richtige Person, und nicht etwa wie ein einfaches Glücksspiel im Casino.

Auf den Finanzmarkt bezogen ist Mentalisierung die Fähigkeit, anhand von Mustern wie etwa Charts, Preisbewegungen, Handels- und Orderflows, Kursralleys und Kursstürzen die zugrundeliegenden Intentionen und die bevorstehende Entwicklung des Marktes, der Börse, abzulesen. Dabei werten wir die Muster nicht nur trocken analystisch anhand mathematischer Formeln und ökonomischer Grundsätze. Jeder Händler an den Märkten hat schon mal Sätze wie „Der Markt läuft immer gegen mich!“, „Die Märkte haben sich gegen mich verschworen“, „Er spielt die Märkte“, ect. gehört oder selbst verwendet.

Dass wir den Finanzmarkt und die Börse wie eine komplexe Person einschätzen, darüber gibt es tatsächlich auch experimentelle, wissenschaftliche Studien von Neuroökonomen. Sie belegen anhand von MRT Aufnahmen, dass Händler bei ihren Entscheidungen zu Handeln oder nicht zu Handeln andere Teile ihres Gehirns nutzen als etwa beim Lösen mathematischer Gleichungen. Neuroökonomen hinterfragen auch, ob möglicherweise Menschen mit ausgeprägten sozialen Fähigkeiten erfolgreicher im Finanzmarkt sind als solche mit rein mathematischem Geschick.

Eine klare Antwort darauf, ob man eher mit Menschenkenntnis oder ausgeprägter Analytik an der Börse und im Finanzmarkt reüssiert, gibt es nicht. Ob es uns tatsächlich hilft, von Frau Börse und Herrn Finanzmarkt wohlwollendes Entgegenkommen für unsere Handelsentscheidungen zu erhalten, indem wir Verhaltensmuster besser interpretieren können, wer weiß? Die Erkenntnisse der Neuroökonomen sind zumindest interessant und könnten helfen, manche Muster an den Finanzmärkten zu erklären. Sie bieten zudem auch spannende Ansätze zur Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis bei Handelsentscheidungen für jeden Händler und alle, die Händler beschäftigen.

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