Das Kleingedruckte

Wie genau haben Sie den letzten Wertpapier Emissionsprospekt bei Ihrem jüngsten Anleihenkauf oder Ihrer letzten IPO Order gelesen? Wie, Sie haben sich das Dokument nicht einmal herunter geladen? Ihnen hat der Werbeflyer oder das Termsheet genügt, das die Eckdaten zusammengefasst hat?

Doch trösten Sie sich, Sie gehören damit keiner Minderheit an. Denn der Großteil der Investoren liest den Prospekt entweder gar nicht oder nicht gründlich.Wer hat denn schon die Zeit, ein Dokument zu lesen, das meist mehrere hundert Seiten umfasst, und mit dem man in ausgedruckter Form durchaus einen Einbrecher k.o. schlagen könnte. In vielen Fällen wie etwa bei Bondemissionen von Banken besteht das Verkaufsdokument zudem aus mehreren Teilen wie dem Basisprospekt und dann noch mal dem Pricing Supplement, die man sich mühsam irgendwo zusammen suchen muss.

Doch selbst, wenn Sie die nötige Zeit hätten, um das Monstrum von Prospekt zu lesen, ist damit noch nicht alles gerettet. Denn die Prospekte sind in der Regel von Juristen verfasst. Entsprechend holprig und mühsam liest sich so ein Ding. Wer nach Seite fünf noch nicht in Tiefschlaf verfallen ist, kann sich glücklich schätzen. Wer bis Seite fünf auch inhaltlich alles verstanden hat und all den unnötig verschachtelten Sätzen mit Verweisen und Querverweisen folgen konnte, herzlichen Glückwunsch. Und wer den schönen Juristenschmöker nun auch noch auf Englisch versteht – denn die Mehrheit der Prospekte selbst deutscher Emittenten wird von englischen oder amerikanischen Anwaltskanzleien verfasst – hat ohnedies gewonnen und kann sich zu einer kleinen Minderheit an mit Ausdauer und einer ausgesprochen hohen Frustrationsgrenze gesegneten Investoren zählen. Diesen 0,1% der Investoren, die nach all den Hürden tatsächlich den kompletten Prospekt gelesen und auch verstanden haben, droht dann das nächste Ungemach. Ihnen wird nämlich beim Lesen regelmäßig übel. Wobei das nicht immer nur auf die kleine Schriftgröße zurückzuführen ist, sondern in der Mehrheit der Fälle tatsächlich auf den Inhalt.

Dabei sollten Verkaufsprospekte dem Investor helfen, sich ein klares und unverfälschtes Bild des Wertapiers und dessen Emittentin zu machen, in welches er oder sie das hart verdiente Geld investiert. Doch all der guten Intentionen der Gesetzgeber und Regulatoren zum Trotz dienen Wertpapierverkaufsprospekte heute in der Regel als Haftungsausschluss für den Emittenten. Wie, Sie haben nicht gewusst, dass wir mit der Anleihe ein Projekt finanzieren, für das bisher keine Genehmigungen vorliegen und in dem es von Interessenskonflikten und der Beteiligung befreundeter Unternehmen nur so wimmelt? Nanu? Das ist aber Ihre Unterschrift, mit der Sie bestätigen, den Prospekt erhalten und gelesen zu haben? Auf Seite 264 im dritten Absatz links wird darauf aber ganz eindeutig hingewiesen. Also Pech gehabt. Ihr Geld ist leider futsch.

Das Kleingedruckte also, das hat es in sich. Das betrifft Aktien IPOs namhafter Unternehmen genau so wie Bondemissionen. Nebenabsprachen, Interessenskonflikte, aber auch die Information, was mit dem Emissionserlös überhaupt gemacht wird, sind wichtige Informationen, die im Prospekt enthalten sind. Ein aktuelles Beispiel – aber keine Ausnahme – etwa sind Aktien- und Bondemissionen von US-amerikanischen Erdölfirmen, die vor allem in Oklahoma mit dem sogenannten Frackingverfahren Öl und Gas gewinnen. Diesen haben mehrere große US-Banken in den vergangenen Jahren milliardenschwere Kredite zu relativ günstigen Konditionen gewährt. Durch die Kredite kamen die Banken an das weitaus lukrativere Investmentbanking Geschäft der Firmen. Die Ölfirmen wurden dazu überredet, Aktien- und Bondemissionen auf den Markt zu bringen. Allein in den ersten drei Quartalen des Jahres 2015, so Daten von Bloomberg, handelte es sich immerhin um ein Volumen von 61,5 Milliarden USD, die den Banken Fees von 700 Millionen USD eingebracht haben. Interessant dabei: Der Großteil der Erlöse aus den Emissionen wurde dafür verwendet, genau jene Kredite zu tilgen, welche die emissionsbegleitenden Banken den Firmen zuvor gewährt hatten. Damit waren die Banken nicht nur ihr Kreditrisiko los, sondern hatten gleichzeitig auch noch einen schönen Ertrag für ihre ach so tolle Emissionsberatung eingefahren. Sieht man sich die neu emittierten Bonds und Aktien übrigens an, so stellt man fest, dass wenig Papiere dabei sind, die seither ihren Wert behalten oder ihre Investoren sogar reicher gemacht haben. Der Großteil ist heute deutlich weniger wert als zur Emission. Was angesichts der miserablen Lage vieler Erdölproduzenten auch nachvollziehbar ist. All das, inklusive der vielen Risiken des Basisgeschäfts, der Mittelverwendung für die Kreditrückzahlung sowie möglicher Interessenskonflikte, wurde in den Prospekten beschrieben.

Warum sich dennoch Investoren für diese vielen Milliarden gefunden haben? Nun, darüber lässt sich spekulieren. Ich wage aber zu behaupten, dass viele von ihnen die Emissionsprospekte gar nicht oder nicht gründlich genug gelesen haben. Das betrifft wohlgemerkt nicht nur die Fracking Firmen und ihre Emissionen, sondern ist die Regel bei allen großen und auch kleinen Wertpapieren aller Emittenten und Anlageklassen. Das Schicksal des nicht gelesen werdens und der Nutzung für das ziemliche Gegenteil, zu dem sie erfunden wurden, teilen Wertpapieremissionsprospekte übrigens mit AGBs, Disclaimern, dem Impressum, Datenschutzrichtlinien, und allen weiteren Dokumenten, die zum Kleingedruckten zählen. Doch gerade, wenn es um Ihr Geld und das Geld Ihrer Anleger geht, sollten Sie sich die Sache mit dem Nichtlesen nochmals gründlich überlegen.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß bei der Lektüre des nächsten Wertpapierprospekts! Eine gute Espresso Maschine und die Absage Ihrer nächsten Wochenendtermine setzen wir natürlich voraus.

Finanzen
Vorsorge