Negative Zinsen (be)treffen auch den einfachen Sparer

Negative Zinsen begleiten Banken und institutionelle Investoren bereits seit geraumer Zeit. Banken zahlen seit vielen Jahren, um Gelder bei der EZB zu parken. Dänemark bewegt sich mit seinem Leitzins bereits seit 2012 im negativen Bereich. Über Japans niedrige Zinsen wundert sich seit Jahrzehnten niemand mehr. Die Welt steht Kopf, und das schon eine ganze Weile.

Draghi und seine Freunde behaupten noch immer sehr hartnäckig, dass negative Zinsen genau das richtige für uns sind. Sie verkaufen uns die ultra niedrigen bis negativen Zinsen als das wirtschaftliche Wundermittel, das unsere Volkswirtschaften wieder wachsen lassen wird. Aber mal ehrlich, was hat es uns bisher gebracht? Wachstum? Mehr Kredite? Inflation? Höhere Gehälter? Mehr Vertrauen in die Zukunft? Gebracht hat es uns am ehesten noch eine große Verunsicherung, und das bei Unternehmen, Verbrauchern und selbst Banken.

Die negativen Zinsen sind mittlerweile übrigens – da mögen Politiker und Herr Draghi sagen, was sie wollen – über Umwege auch beim letzten, kleinen Bürger angekommen. Natürlich heißt das Ding nicht offiziell negativer Sparzins. Es nennt sich Einführung oder Erhöhung der Kontoführungsgebühr, Schaltergebühr, Depotgebühr, Bearbeitungsentgelt, Servicegebühr, Ordergebühr, Kontoauszugsgebühr, Kassenabschlussgebühr, Abgabe, Gebühr, Entgelt für dies und das und auch noch für das andere und das nächste und vorige und überhaupt für alles was notwendig ist oder auch nicht. Im Zweifel werden Konten einfach mit einer Änderungskündigung in ein gebührenpflichtiges Modell umgewandelt. Selbst die Sparkassen mit ihrem öffentlichen Auftrag wandeln derzeit massenweise die bisher kostenlosen Vereinskonten gemeinnütziger Vereine in normale Geschäftskonten um. Mit einer Grundgebühr von um die 10 Euro monatlich, diversen Buchungs- und Servicegebühren, Kartengebühren und Kontoauszugsgebühren müssen ab jetzt selbst kleine Vereine von ihren mühsam verdienten Euros jährlich 200 Euro an die Sparkasse abtreten. Vielen Dank, lieber Mario Draghi! Denn 200 Euro, das ist für viele, kleine Vereine viel Geld. Das sind beispielsweise die Einnahmen eines Kindergartentrödels oder eines Sommerfestes einer Grundschule. Aber sollen die Kinder ruhig ein paar Kuchenstücke mehr verkaufen, beim Spendenlauf 200 Kilometer weiter laufen, oder mal auf neue Fußbälle, die neue Rutsche oder die Turnmatte verzichten.

Dass negative Zinsen wenig bringen, sollte uns Japan gezeigt haben. Seit vielen Jahrzehnten betreibt die Notenbank in Japan eine Nullzinspolitik, pumpt über QE seit Ewigkeiten Geld in den Markt, kauft wie irre Aktien, Bonds und mittlerweile auch ETFs, und der Staat selbst hat sich über die Jahre irrwitzig hoch verschuldet. Aber Wachstum? Inflation? Investitionen? Konsum? Alles Fehlanzeige.

Draghi selbst scheint an der tatsächlichen Realität vorbei zu schauen. Denn niedrige Zinsen allein, das hilft ohne Kredite wenig. Und davon bekommen diejenigen, die Geld bräuchten, um innovativ, kreativ, schaffend und produzierend tätig sein zu können, wenig bis nichts. Denn Gründer und wachsende Mittelstandsunternehmen sind zu riskant, verbrauchen zu viele Risk Weighted Assets. Dank der vielen, neuen Regularien, welche Banken sicherer machen sollen, und so netten, neuen Vorschriften, wie jener, dass in die Beurteilung von Immobilienkrediten der Wert der Immobilie nicht mehr mit einfließen darf, wird es für viele Menschen und Unternehmen nicht nur schwerer, sondern immer öfter völlig unmöglich, überhaupt an Kredite zu kommen. Von den günstigen Konditionen profitieren sie nicht. Die billigen Kredite gehen an die Großen, die sie nicht brauchen, an den Staat, der dafür noch Geld in Form negativer Zinsen bekommen, an große Institutionelle, die damit gehebelt Aktien kaufen, oder schlichtweg an niemanden, und das Geld wird zu negativen Zinsen bei der Zentralbank geparkt. An Geld mangelt es wahrlich nicht, aber an der für Wachstum sinnvollsten Verteilung.

Wie das Patentrezept aus der Krise heißt, darüber mag man diskutieren, aber negative Zinsen scheinen sich nicht zu bewähren. Sie machen uns das Leben nur unnötig kompliziert, setzen die falschen Anreize, nehmen Vertrauen, führen zu Blasen an den Aktienmärkten und blähen weltweit die Staatsschulden in unglaubliche Höhen auf. Wenn ein Medikament, so toll es auch klingen mag, bei einem Kranken nicht anschlägt, so könnte der Arzt auch erwägen, die Medizin zu wechseln oder abzusetzen, als stur darauf zu pochen, dass es irgendwann doch wirken könnte. Aber was, wenn der Kranke an einer ganz anderen Krankheit leidet, als zunächst diagnostiziert?

Kein Mensch ist allwissend, und niemand kennt die Zukunft. Die Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Finanzmärkten und Volkswirtschaften sind vielfältig. Die Welt wird sich weiter drehen, ob wir weitermachen wie bisher oder den Kurs ändern. So wie es jetzt aktuell läuft, sind sich alle einig, ist es nicht optimal. Vor allem nicht, da nun die Kosten definitiv beim kleinen Bürger angekommen sind und dieser die Negativzinsen, von denen eine kleine Elite profitiert, mit höheren Gebühren zahlen muss.

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