Spekulationsblasen an den Kapitalmärkten - früher und heute

Die Historie reicht weit in die dokumentierte Geschichte zurück. Immer wieder kommt es aufgrund von zu hohem Leverage zu spektakulären Spekulationsblasen, die laut und mit viel Dynamik platzen. Es folgen Panik und die Vernichtung großer Vermögenswerte.

Dabei wiederholt sich die Geschichte immer wieder. Blickt man auf die Tulpenspekulation in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, erkennt man bereits das Muster. Ein Markt mit einer bestimmten Assetklasse – in diesem Fall eben Tulpenzwiebeln – wird immer beliebter. Bald spricht jeder darüber, die Preise steigen, jeder möchte dabei sein, wittert das schnelle Geld, bis sich auch die einfachen Leute hoch verschulden, um mit dem geliehenen Kapital von immer schneller und höher steigenden Preisen zu profitieren. Die Höhe der Preise scheint keine Grenzen zu kennen. Die Marktteilnehmer werfen jegliche Logik und ihren ganzen Menschenverstand über fundamental gerechtfertigte Preise über Bord. Dann ist plötzlich und oft ohne großen Grund der Gipfel erreicht. Panik bricht aus, alle wollen verkaufen. Die professionelleren Marktteilnehmer schaffen es zuerst aus dem Markt. Meist haben sie einen kleinen aber wichtigen Informationsvorsprung. Auf der Strecke bleiben die einfachen Leute, die sich für die Teilnahme am Handel große Summen Geld geliehen haben. Es folgt ihr Ruin, finanziell und gesellschaftlich.

Es folgen im Laufe der Jahrhunderte viele Spekulationsblasen. Die Aktien der Eisenbahngesellschaften etwa lösten im 19. Jahrhundert durch hohe Schulden und leichtfertige Kredite eine riesige Spekulationswelle aus, an der auch einfache Privatleute mit hohen Krediten mitmischten. Ab dem Jahr 1847 kam es zu Kursstürzen an mehreren europäischen Börsen, und viele Familien verarmten. 1857 kam es auch an der Wall Street zu einem Crash der Eisenbahnaktien, nachdem es einen fast zwei Jahrzehnte anhaltenden Boom gegeben hatte, der gegen Ende auch die normalen Leute in den Markt trieb, denn auch sie wollten ohne Arbeit reich werden. Auch die amerikanischen Banken waren vielfach in Eisenbahnaktien investiert gewesen. Was folgte waren etwa 5000 Banken- und Unternehmenspleiten und die Vernichtung riesiger Vermögenswerte.

Es folgte die Spekulation rund um die Wiener Weltausstellung, die 1873 zu einem gigantischen Börsencrash der damals noch wichtigen und großen Wiener Börse führte, der bald auf alle damaligen Börsenplätze übergriff.

Schlechte Governance und viel Betrug waren im 19. Jahrhundert sicher auch mit Schuld an den Spekulationswellen, nicht nur die Schulden. Scheinunternehmen, betrügerische Projekte, die unglaublich hohe Renditen versprachen, Unregelmäßigkeiten bei Unternehmensbilanzen und Bestechung waren an der Tagesordnung. Doch zum Platzen brachte am Ende immer der hohe Leverage die Blasen.

Es folgte der Erste Weltkrieg, der Europa in eine tiefe Schuldenkrise stürzte. Deutschland hatte riesige Schulden aufgrund völlig absurder Reparationsforderungen. Es folgte Inflation und eine turbulente Zeit für viele Währungen, die zu großen Devisenspekulationen in den 1920er Jahren führten. Wieder versuchten gegen Ende auch viele Privatleute ihr Glück an den Devisen- und Aktienbörsen. Auch in den USA wurde kräftig spekuliert. Der Leverage dort war gigantisch. Für angeblich nur 100 Dollar in bar konnten sich einfache Leute Aktien im Wert von 10.000 Dollar kaufen. Die Federal Reserve Bank pumpte billiges Geld in den Markt, indem sie auf dem offenen Markt Papiere kaufte. Die Zinsen waren niedrig, die Euphorie an den Aktienmärkten groß. Die Makler waren angeblich mit den vielen Kundenaufträgen völlig überfordert. Am 24. Oktober 1929 kam es zum berühmten „Schwarzen Freitag der Wall Street“. Die Panik griff danach auf Europa über.

Zur nächsten weltweit bedeutenden Krise kommt es 1987. In den USA war es Mode geworden, große Firmen an der Börse aufzukaufen, den anderen Aktionären ein Übernahmeangebot zu machen, das Unternehmen danach in seine Einzelteile zu zerschlagen, die man danach möglichst teuer wieder verkaufte. Dafür waren riesige Finanzierungen nötig. Diese wurden freigibig gewährt, denn die Kurse stiegen aufgrund der regen Aktienkäufe immer weiter nach oben. Zusätzlich war die Zeit der Computer und damit mathematischer Modelle angebrochen, der Futures Markt hob ab, und der Leverage stieg durch den neuen Einsatz von Derivaten nochmals an. Auslöser der Panik war 1987 der erwartete Anstieg der Zinsen.

Die Geschichte wiederholt sich auch in neuerer Zeit, diesmal mit Aktien in gewinnlose und substanzlose New Economy Unternehmen in den 1990er Jahren. Diese Blase platzt im Jahr 2000. Wieder haben auch Hinz und Kunz mitgemischt. Einige Jahre später sind es verbriefte Hypotheken, die einen Hype auslösen, der 2008 platzt. Heute ist es der chinesische Aktienmarkt, in den in den vergangenen Jahren immer mehr einfache Privathaushalte mit geliehenem Geld eingestiegen sind. Auch diese Blase ist am Platzen. Der chinesische Staatsapparat hält sie mit viel Luft noch etwas am Leben, aber der große Hype dürfte vorbei sein und der Markt mit seinen überzogenen Bewertungen gleicht einer Seifenblase.

Warum erkennen Investoren das Muster wieder und wieder nicht? Warum verschulden sich ganz normale Menschen, um mit ihnen ansonst fremden Dingen wie Blumenzwiebeln, Aktien von Unternehmen, deren Gegenstand sie nicht verstehen, mit Hypotheken schlechter Bonität oder Devisen zu spekulieren? Es liegt möglicherweise an einer Kombination aus Gier, Massenbewegung und Spieltrieb. Wenn meine Nachbarn im Spielcasino ohne Mühe ein Vermögen verdienen, dann will ich nicht hinten an stehen. Ich will auch schnell und einfach zu Reichtum kommen. Schließlich machen es alle! Ob eine Blumenzwiebel das Hundertfache meines Jahresgehalts auch tatsächlich wert ist? Wen kümmert es, wenn ich sie am nächsten Tag um das 101-fache verkaufen kann?

Hohe Schulden und viel Leverge im Markt für ein Asset sind in jedem Fall schlechte Vorboten und keine guten Voraussetzungen für die Zukunft eines Marktes. Das lehrt uns zumindest die Geschichte. Die Vergangenheit muss sich nicht in jedem Fall wiederholen, aber Vorsicht ist dennoch geboten. Wie sich die Situation in Bezug auf die weltweit enorm gestiegenen Staatsschulden weiter entwickeln wird, ist ebenfalls spannend. Ist der Markt für Staatsanleihen die nächste Blase? Wie lange können Staaten weiterhin Schulden machen, ohne dass es Auswirkungen hat? Und wie werden sich die angekündigten Zinserhöhungen in den USA auf die Märkte auswirken?

Martina Bahl bei BahlConsult GmbH http://bahlconsult.com
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