Zinsen die nicht so heißen (dürfen)

Zinsen sind die Kompensation für den Zeitwert des Geldes sowie des Risikos, die jemand mit der vorübergehenden Zur-Verfügung-Stellung von Kapital, also Geld, von jemand anderem erhält. Zinsen sind also im Grunde nichts anderes als eine Entschädigung für Dinge wie Inflation oder der Verzicht auf Alternativen wie Konsum oder andere Investitionsmöglichkeiten. Die Höhe, die verlangt wird, hängt selbstverständlich auch vom Risiko ab, also der Ungewissheit, ob der Verleiher vom Schuldner sein Geld auch tatsächlich in voller Höhe und rechtzeitig wiederbekommt. Dazu trägt unter anderem die Laufzeit bei, je länger, je unsicherer. Die Besicherung ist wichtig, die Reputation und die bisherige Historie des Schuldners, der Geschäftszweig, in dem der Schuldner tätig ist, sehr wichtig natürlich die Geldsumme, die Höhe der Gesamtverschuldung, das allgemeine politische und wirtschaftliche Umfeld, ect. Selbst Miete und Pacht können als eine Art Zins gesehen werden. Hier ist die Miete die Kompensation für die entgangene Nutzung durch den Eigentümer, eine Entschädigung für die Abnutzung und ein Entgelt für die Kosten, die der Eigentümer durch den Besitz der Immobilie hat.

Nun ist es aber so, dass Zinsen nicht immer so heißen dürfen. Etwa, weil sie eine gewisse Höhe überschreiten, die per Gesetz vorgegeben ist. Um nicht unter den Tatbestand des Zinswuchers zu fallen, den es in vielen Ländern gibt, werden Kredite und Zinsen dann schon mal schnell zu „Finanzierungen“, „Beteiligungen auf Zeit“, „Mezzanin Finance mit Equity Option“ und vielem mehr. So lange weder das Wort Kredit noch das Wort Zins fällt, ist rechtlich meist alles gut. Auch, wenn die annualisierte „Kompensation“ für die „Finanzierung“ schwindelerregende Höhen erreicht. Beispiel: Der Financier gibt einem kleinen Unternehmen, sagen wir mal einem kleinen Laden für Dies und Das, 10.000 Euro. Dieser bezahlt danach täglich aus den Geschäftseinnahmen 150 Euro. Und das für insgesamt sechs Monate. Macht bei 125 Geschäftstagen 18.750 Euro, die an den Financier zurückfließen. Da es sich aber offiziell um eine Beteiligung am Unternehmenserfolg handelt und die 150 Euro am Tag der Anteil daran sind, und nicht etwa Wucherzinsen, ist der Financier hier rechtlich aus dem Schneider. In den Verträgen kommen nirgendwo die Wörter Kredit oder Zinsen vor.

Diese anderen Bezeichnungen und leicht anderen Herangehensweisen an die „Zur-Verfügung-Stellung von Geld“ machen sich auch Sharia konforme Banken zunutze, sowie einige andere religiöse Gemeinschaften, deren religiöse Vorschriften es ihnen verbieten, Zinsen zu nehmen. Ohne Verleihen von Geld kommt allerdings keine Volkswirtschaft aus, denn gerade die flexible Verteilung von Kapital von denen, die es gerade nicht brauchen, zu denen, die damit etwas erschaffen oder durch die Investition eine Wertschöpfung erreichen möchten, ist für jede Gesellschaft und für das Wachstum eines jeden Marktes ausgesprochen wichtig. Der Bauer braucht Geld, um Saatgut zu kaufen. Der Handwerker kauft Werkstoffe, der Taxifahrer ein Auto, der Bauunternehmer einen Bagger, der Markthändler Gebrauchsgüter, der junge Familienvater leiht sich Geld um ein Haus zu bauen oder zu kaufen, und so weiter und so fort. Was also machen, wenn man dafür offiziell keine Zinsen nehmen darf? Ganz ohne Gegenleistung gibt sein hart verdientes Geld niemand an einen Fremden weiter. Denn wie schon oben erwähnt, bedarf es einer Kompensation für den Zeitwert, die Inflation und für die verschiedenen Risiken.

Lösungen bieten hier Konstrukte, die Kredite und Zinsen einfach nicht als solche benennen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Hier einige Beispiele aus der Praxis:

  1. Anstatt eines Kredits für ein Haus oder Güter, erwirbt der „Financier“ das Wirtschaftsgut vom Verkäufer zunächst selbst. Danach verkauft er es teurer an den Endkäufer weiter. Dieser zahlt über eine bestimmte Laufzeit in Raten. Der Unterschiedsbetrag zwischen Kauf- und Verkaufspreis tritt an die Stelle der Zinsen.
  2. Der „Financier“ beteiligt sich als „Partner“ mit einer bestimmten Summe an einem Unternehmen. Über eine bestimmte Laufzeit erhält der Financier ständig Gewinnausschüttungen. Am Ende der Laufzeit sollte der Financier mehr erhalten haben, als er investiert hat. Sozusagen als Ersatz für die Zinsen.
  3. Leasing ist ebenfalls eine Alternative zu Kredit und Zinsen. Hier werden Güter welcher Art auch immer zunächst vom Financier an jemanden vermietet. Das Eigentum an den Gütern verbleibt zunächst beim Financier, als Collateral sozusagen. Erst nach einer gewissen Zeit der Vermietung geht das Eigentum über oder kann zu einem vorher festgelegten Restwert gekauft werden.
  4. Miete zu zahlen für ein Haus, das nach einer bestimmten Mietdauer ebenfalls ins Eigentum des Mieters übergeht, ist eine andere Möglichkeit. Zunächst kauft der Financier das Gebäude, vermietet es für einen langen Zeitraum zu einer bestimmten Miete, und erst nach einer bestimmten Zeit, wenn die Miete sozusagen den Kaufpreis plus den Ersatz für Zinsen gedeckt hat, geht das Gebäude ins Eigentum des bisherigen Mieters über. Die zinsfreie Version eines Hypothekarkredits.
  5. Jemand kauft vom „Financier“ ein Produkt, etwa eine Uhr oder einen Ring, für 200 Euro. Als zinsfreies Zahlungsziel hat er sechs Monate. Am selben Tag verkauft er die Uhr an den Financier für 160 Euro zurück. Defacto hat er einen Kredit über 160 Euro aufgenommen, für den er nach sechs Monaten 200 Euro zurückbezahlt. Offiziell handelt es sich allerdings nur um einen Kauf mit Zahlungsziel.
  6. Factoring ist ebenfalls eine Möglichkeit und wird bereits seit Urzeiten eingesetzt. Hier werden Forderungen für zukünftige Fälligkeiten gegen eine Upfront Zahlung an jemand anderen abgetreten. Statt Zinsen übersteigen die abgetretenen Forderungen die Upfront Zahlung.
  7. Nullkuponanleihen zahlen ebenfalls keine laufenden Zinsen. An die Stelle der Zinsen tritt der Unterschiedsbetrag zwischen Ausgabekurs und Tilgungskurs.

Beispiele gäbe es noch viele. Tatsache ist aber, dass kaum jemand bereit ist, außerhalb des engsten Familien- und Freundeskreises Geld ohne Gegenleistung auszuleihen. Zinsen oder eine Kompensation – wie auch immer diese genannt wird – sind eine Voraussetzung für das Funktionieren eines Marktes. Wird der Zinssatz transparent offengelegt, dient das wohl auch dem Interesse des Schuldners, denn er kann damit Angebote vergleichen und Wucher leichter erkennen. Dort, wo Zinsen und Kredite anders deklariert werden, kann dies leicht zum Nachteil mathematisch weniger begabter Marktteilnehmer werden.

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